Herr K. hat keinen Spaß mehr in der VV

2018-03-23 07:35 von Peter Schweizer (Kommentare: 0)

Herr K. sitzt in der Vollversammlung der IHK Region Stuttgart und bislang hat es ihm auch viel Spaß gemacht. Man hat ihm, als gut bezahlte Führungskraft im oberen Management eines schwäbischen Weltmarktführers, der sich vor allem mit dem effizienten Bereitstellen von Freiflächen auf denen vorher Bäume standen, beschäftigt, immer den notwendigen Respekt entgegengebracht. Die anderen grauen Herren in der Vollversammlung haben in freundlich gegrüßt und seine Lebensleistung gewürdigt. Alles hätte so schön sein können, denn die Rente ist ja nun auch nicht mehr so weit weg.

Seit 2012 nun ist die Welt von Herrn K. nicht mehr in Ordnung. Seit 2012 muss er sich mit Kleinunternehmern und Mittelständlern herumschlagen, die weit unter seinem normalen Standard sind. Er will Ihnen nicht die Hand reichen, weil sich das für einen in seiner Position nicht gehört, weil er über diesem “Volk” steht. Er hat sich seine Position hart erarbeitet, er ist stolz – und jetzt muss er sich gefallen lassen, dass hier Unternehmer sitzen, die die liebgewonnen Tradition des Netzwerkens in der Vollversammlung verachten, die kritische Fragen stellen und die etwas verändern wollen. Außerdem fordern sie ein veganes Buffet.

Herr K. ist verstört und das macht ihn ärgerlich. So ärgerlich, dass ihn ein innerer Zwang antreibt, es diesen Störenfrieden zu zeigen. Und deshalb nutzt Herr K. jede Gelegenheit, den Kritikern die Stirn zu bieten. Immer wenn einer der Neuen eine Frage stellt oder eine Diskussion beginnt, hebt er die Hand und stellt auch einen Antrag. „Ich fordere ein Ende der Diskussion!“ ruft er in den Saal und das Nicken der anderen grauen Herren bestätigt ihn in seinem Tun. Er hat sich mal überlegt, ob er auch mal Argumente vorbringen könnte, ist sich aber nicht sicher, da seine Experten nicht mit im Raum sind und er sich dann doch ohne die Expertise der Fachleute ein wenig nackt vorkommt. 

Er will auch nicht in eine Diskussion einsteigen, das ist er nicht gewohnt. Da wo er herkommt, ist allen Mitarbeitern und Lieferanten klar, dass Herr K. das sagen hat. Ihm wird nicht widersprochen, letztlich ist er ja nicht auf der Position die er sich erarbeitet hat, weil er zuviel auf die Meinung der Untergebenen gegeben hat, sondern weil er weiß, wie man Karriere macht.

Herr K. ist jetzt ein wenig zufriedener. Er kann mit seinem auswendig gelernten Satz allen zeigen, wer der Herr im Hause ist. Herr K. schläft jetzt wieder besser, auch wenn er sich bisweilen in seinen Träumen mit einer Motorsäge in der Vollversammlung sieht. Dann lächelt er im Schlaf.

Der Autor: Peter Schweizer ist Inhaber der Internetagentur Living the Net in Ludwigsburg.

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